Jesaja, Kapitel 55

55:1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommet her zum Wasser! und die ihr nicht Geld habt, kommet her, kaufet und esset; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch!1)
DAs lasse eine tewre köstliche Wahr sein / welche dazu so wolfeil / ja on gelt und umb sonst / zu bekomen ist / und solche krafft hat und gibt / denen die ir gebrauchen und geniessen / das sie nicht allein sat und fett davon werden / sondern auch starck / frölich und getrost / in allerley anfechtungen und trübsaln.
Noch sind die Werckheiligen und Heuchler so toll und rasend / das sie nach solcher seliger Labsal nicht allein nicht fragen / und mutwilliglich verseumen / sondern auch feindlich verfolgen und für gifft halten. Und dagegen alle ir vermögen und sawer erbeit / an Menschen lere und Teufels lügen wenden.
Gleichwol predigt und ruffet der heilig Geist nicht vergebens / Die durstigen und hungerigen / das ist / die betrübten / erschrocken gewissen / die ir sünde und Gottes zorn fülen / die finden sich erzu / und nemen mit freuden solche Trostpredigt an. Dadurch sie one gelt und umb sonst / das ist / one ir verdienst und erbeit / getröstet und gesterckt werden / in allerley not und tod.
Da finden sie das Brot / davon Christus Joh. vi. saget / das vom Himel kompt (welchs er selbs ist) und gibt denen / so davon essen (an in gleuben) das Leben / etc. und wie der Prophet hernach saget / die gewisse gnade / David zugesaget / unsern HErrn Jhesum Christum / Welcher ist unser Gerechtigkeit / Leben und ewiger Bund / zwischen Gott und den Menschen.
Und hie ist uns Christen / die Schrifft vom heiligen Geist / auffs höchste gepreiset / und befolhen zu lesen / hören / lernen und gleuben. Dagegen Menschenlere und gebot / welche S. Paulus nennet Teufels lere / auffs hertest verboten. Wer nu ohren hat zu hören / der höre. (Johannes Bugenhagen)


DAs ist so viel gesagt / Es ist mit menschenleren / falschen Gottesdiensten / und Religion / alle mühe / erbeit und kost verloren. Kompt zur heiligen Schrifft / da jr Gottes wort möget hören und lernen. Da werdet ir gewis innen finden / Christum den ewigen Gnadenbund Gottes mit euch. Da esset und trincket / das ist / gleubet / So werdet jr sat / fett und frölich zum guten. (Johannes Bugenhagen)

55:2 Warum zählet ihr Geld dar, da kein Brot ist und tut Arbeit, davon ihr nicht satt werden könnt? Höret mir doch zu und esset das Gute, so wird eure Seele am Fetten ihre Lust haben.

55:3 Neiget eure Ohren her und kommet her zu mir, höret, so wird eure Seele leben; denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen, daß ich euch gebe die gewissen Gnaden Davids.

55:4 Siehe, ich habe ihn den Leuten zum Zeugen gestellt, zum Fürsten und Gebieter den Völkern.

55:5 Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst; und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen in Israel, der dich herrlich gemacht hat.

55:6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist.
DEnn ist der HERR zu finden / wenn er uns sein gnade durchs Wort anbeut. Denn ist er nahe / wenn uns Christus durch seine tewre Diener / sein Euangelium furtregt / und ermanet / das wir in mit glauben sollen annemen.
Da ists denn hohe zeit / das wir uns nicht seumen / Sondern in mit rechtem ernst und vleis / durch rechtschaffene Busse suchen / und in ungeerbtem glauben anruffen.
Rechtschaffene Busse aber ist / wie sich der Prophet selbs deutet / Das der Gottlose / das ist / der Ungleubige und Gottslesterer / von seinem Wege / das ist / von seinem Gottlosen wesen und heuchley / lasse / und sich zum HERRN bekere / die verheissene und geschenckte gnade / in Christo mit glauben anneme / So wird der HERR sich seiner erbarmen / Denn bey jm ist viel vergebung.
Also auch der Ubeltheter / das ist / der seinen Nehesten / mit wort / rat oder that / zu nahen ist / lasse seine gedancken / das ist / sein richten und trachten / wie er schaden möge thun / Und halte sich auch mit glauben an Gottes verheissung etc.
Denn des HERRN gedancken (spricht der Prophet weiter) sind nicht ewer gedancken. Wil so viel sagen / Ir wisset von keiner andern gerechtigkeit / wenn ir hoch komet / denn von der gerechtigkeit der werck des Gesetzes. Sie helt aber fur Mir den stich nicht / Meine gerechtigkeit mus es thun / welche ist / das ich aus lauter gnade sünde vergebe / umb Christus willen / im Gesetz und Propheten verheissen. (Johannes Bugenhagen)

55:7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter seine Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich sein erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.

55:8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR;

55:9 sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.2)
Alle Werke Gottes tragen das Siegel der Weisheit und Macht, welches sie von den schwachen Nachahmungen der Menschen deutlich unterscheidet. Der kleine leuchtende Funke des Johanneswurms verkündigt die Herrlichkeit des Schöpfers so laut, wie der Feuerglanz der Mittagssonne. Das kleinste Blatt des Grases ist ein Werk eben der Allmacht, welche den Himmel und die Erde gemacht hat. Wie in seinen Werken, eben so unerreichbar ist Er in seinen Worten und Wegen; sie sind stets über, sie sind oft wider unsere Begriffe. Bald bringt Er die größten Dinge durch Mittel hervor, die uns klein und unwirksam erscheinen. Bald gefällt es Ihm, durch große feierliche Zurüstungen der Welt zu zeigen, daß das Werk, welches der unerleuchteten Vernunft klein und leicht scheint, durch keinen Andern als durch Ihn gewirkt werden kann. So im eigentlichen und höchsten Sinne das Werk der Erlösung der Menschen. Unsere Vorstellung von der Heiligkeit Gottes ist viel zu schwach; und darum auch unsere Erkenntnis von der Häßlichkeit der Sünde viel zu mangelhaft. Er allein, der Heilige und Barmherzige, konnte das Mittel finden, seiner Gerechtigkeit und Wahrheit unbeschadet, Gnade gegen die Sünder zu üben. Aber dieses Mittel selbst ist über alle unsere Gedanken. Gott und Fleisch, die Ewigkeit und die Geburt, die Unendlichkeit und die Krippe, das sind für unsern natürlichen Verstand Gegensätze, die sich ausschließen und nicht reimen wollen. Und kämen wir auch über diese Gegensätze weg, könnten wir uns auch darein finden, daß der Liebe, zumal der göttlichen, ewigen Liebe nichts unmöglich ist; das wenigstens bleibt auch dann noch fest stehen: so ärmlich, so stille hätten wir die Menschwerdung des Sohnes Gottes gewiß nicht erwartet. In aller Weise ist die Überschrift über dem Leben des Herrn und vor Allem seiner Geburtsgeschichte jenes Wort: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken; aber so viel höher der Himmel ist, als die Erde, so viel höher sind meine Gedanken und Wege als die eurigen.“ - Es steht diese Wahrheit indes auch über unserm Leben geschrieben: mögen wir sie nur allezeit lesen und beherzigen, es würde Vieles leichter und reiner sein um uns her und in uns. (Johann Friedrich Wilhelm Arndt)


„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege,“ spricht der Herr; „sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher, denn eure Wege, und meine Gedanken, denn eure Gedanken.“ Jes. 55, 8 und 9. Gottes Gedanken sind sehr tief, doch allzeit heilig und gut. Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte, und unerforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Rathgeber gewesen? Durch Armuth macht er uns reich, durch Schmach bringt er uns zu Ehren, durch Trübsal schaffet er Fröhlichkeit, durch das Kreuz führt er zur Herrlichkeit, durch den Tod zum Leben.
Wer über Gottes Werke urtheilen will, müßte nicht allein den Anfang, sondern auch das Ende derselben sehen. Und welches menschliche Auge könnte das! Unser Wissen ist Stückwerk, unser Leben so kurz, unsere Kraft so gebrechlich. Das Höchste und Heiligste wandelt oft in der Verborgenheit und nur die. Ewigkeit macht es klar. Darum will ich meinem Gott nicht vorschreiben, welchen Weg er mit mir gehen soll, er wird wohl wissen, welcher der beste ist und am sichersten zum Ziele führt. Fängt er es auch seltsam und wunderbar mit mir an, so führt er es doch herrlich hinaus. Wie trübe es sich auch ansehen läßt im Anfang, so ist der Ausgang doch licht und klar und selig. Ich habe es erfahren und ihm auch für die Leiden danken müssen, die er mir auferlegt hat. Fürwahr, du bist ein verborgner Gott; deine Wege gehen sehr hoch und deine Gedanken sind sehr tief. Und doch fühlen wir dich in jedem Pulsschlag unseres Lebens und tragen dich im Innersten unseres Herzens. So weit erhaben über aller Himmel und uns doch so nahe in deinem eingebogen Sohn. Ja, ich erkenne dich in ihm, dem Abglanz deiner Herrlichkeit, der auch mich leitet wie ein treuer Hirt sein Schäflein. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich auf rechter Straße. Und ob ich schon wanderte im finstern Thal, fürchte ich kein Unglück; er ist bei mir, sein Stecken und Stab trösten mich. O du treuer Heiland, sei auch heute mein Führer und Herr, wache über mein Herz und Leben. Amen.(Christian Wilhelm Spieker)

55:10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahinkommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen:

55:11 also soll das Wort, so aus meinem Munde geht, auch sein. Es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, was mir gefällt, und soll ihm gelingen, dazu ich's sende.

55:12 Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Ruhm und alle Bäume auf dem Felde mit den Händen klatschen.
Wenn die Sünde vergeben ist, so ist unser größter Schmerz zu Ende und unser wahrstes Vergnügen beginnt. So groß ist die Freude, die der Herr den mit Ihm Versöhnten verleiht, daß sie überfließt und die ganze Natur mit Wonne erfüllt. In der materiellen Welt ist verborgene Musik, und ein erneuertes Herz weiß diese herauszulocken und sie in Gesang zu wandeln. Die Schöpfung ist die Orgel, und ein begnadigter Mensch findet den Schlüssel dazu, legt seine Hand darauf und erweckt das ganze Weltall zur Harmonie des Lobes Gottes. Berge und Hügel und andre große Gegenstände bilden, sozusagen, den Baß des Chores; während die Bäume des Waldes und alle Dinge, welche Leben haben, den hellen, melodischen Gesang ertönen lassen.
Wenn das Wort Gottes guten Fortgang unter uns hat und Seelen gerettet werden, dann scheint alles voll Gesang. Wenn wir die Bekenntnisse junger Gläubiger hören und die Zeugnisse wohl unterrichteter Heiliger, sind wir so glücklich, daß wir den Herrn loben müssen, und dann scheint es, als wenn Felsen und Hügel, und Wälder und Felder unsre Freudentöne widerhallten und die Welt in ein Orchester wandelten. Herr, an diesem fröhlichen Maientage führe mich hinaus in Deine klangvolle Welt, so reich an Lob wie eine Lerche in vollem Gesang. (Charles Haddon Spurgeon)

55:13 Es sollen Tannen für Hecken wachsen und Myrten für Dornen; und dem HERRN soll ein Name und ewiges Zeichen sein, das nicht ausgerottet werde.
Aus diesem Kapitel sehen wir, wie begierig der allmächtige Gott sey, das Heil der Menschen durch Christum und durch die Predigt von Christo zu befördern.
Denn gleich anfangs steht eine liebreiche und dabei ernstliche Vermahnung an alle Völker und Leute, daß sie das Evangelium, (das ist die Lehre von Christo, Seinem Verdienst und Seinen Wohlthaten, welche auch umsonst Vergebung der Sünden durch Christum anbeut,) annehmen, andere Predigt und Lehre aber, - darin sie Christum und die Seligkeit nicht finden, dadurch sie auch zur Vergebung der Sünden nimmermehr kommen können, man thue und leide gleich, was man immer thun und leiden kann, - fahren lassen sollen.
Darum heißt Jesaja den HErrn suchen, weil Er zu finden ist, und Ihn anrufen, weil Er nahe ist, sintemal doch bei Ihm allein - und sonst bei niemand anders weder im Himmel, noch auf Erden - Vergebung der Sünden zu finden ist.
Hierauf folgt eine Unterweisung für alle die, welche an dem Reich Christi und an dessen Wohlthaten Theil haben wollen, daß nämlich ihre Gebühr darin bestehe, daß sie wahre Buße thun und sich täglich in der Buße üben.
Es reizet auch der Prophet dazu mit den lieblichsten Verheißungen von der Erbarmung und Gnade Gottes; auch tröstet er die, so sich wahrhaftig bekehren lassen, damit, daß das Wort des Evangelii seine Frucht bei ihnen gewiß bringen - und ihre Herzen fröhlich machen werde, wenn man anders mit Glauben daran hält.
So bleibt denn dies unsre Schuldigkeit, daß wir Gott für solche Gnade loben, Christum von Herzen lieb haben, die in der Person und Lehre Christi uns angebotene Gnade in rechter Ordnung der Buße und des Glaubens annehmen, nach dem Wort und Willen Gottes heilig leben - und sodann zu Gott und Seiner Gnade uns alles Guten, zumal im Geistlichen, versehen - und der ewigen Seligkeit in Geduld warten.
Nun, o gütiger Gott, erwecke Du selbst durch Deinen guten Geist unsere sonst trägen Herzen, daß wir Deine Gnade, die Du uns so freundlich anbietest, willig, aber doch so, wie sich's gebühret, annehmen - und in derselben würdiglich wandeln - und sodann getrost der Früchte Deiner Liebe und Deines Segens warten, solche auch genießen mögen - hie zeitlich und dort ewiglich - durch Jesum Christum. Amen. (Veit Dieterich)